Die Leidenschaft, Gott zu denken PDF

Wie bin ich geworden, wer ich bin? Die Sieben Todsünden: Heute noch relevant? Chefredakteur der Zeitschrift „Psychologie heute“, Autor u. Essay Die Die Leidenschaft, Gott zu denken PDF der Todsünden ist im mönchischen Leben des fünften nachchristlichen Jahrhunderts entstanden.


Författare: Eberhard Jüngel.

Auch für Nichtgläubige bietet die Konfrontation mit den „Großen Sieben“ tiefe Einsichten in die eigene Psyche: Sie sind eine erhellende, manchmal verstörende Möglichkeit der Selbsterkenntnis. Die Todsünden stellen zudem negative Archetypen menschlicher Charaktere dar. Als „neue“ Sünden tauchten auf: Selbstsucht, Heuchelei, Intoleranz, Grausamkeit und Zynismus. Habgier, zum Beispiel, hat viele Gesichter: Wir erregen uns über die „Raffkes“ in der politischen Klasse und die „Abzocker“ in der Wirtschaft. Aber Habgier und Geiz sind kein Privileg der Mächtigen. Auch Wollust ist heute kein Laster mehr, kaum noch eine verzehrende Leidenschaft, sondern eine stets verfügbare, schnell konsumierbare Angelegenheit. Der moderne Casanova ist kein verruchter Frauenheld, sondern ein armer Sexsüchtiger.

Der zeitgenössische Don Juan ist ein Getriebener, der seine Selbstwertprobleme durch sexuelle Eroberungen kompensiert. Völlerei gilt in manchen Kreisen zwar eher als verachtenswerte, prollige Charakterschwäche, oder sie ist der Ausdruck einer gesundheitlichen Störung, die in erster Linie als ästhetisches Problem augenfällig wird. Neid ist die erste Sünde jenseits von Eden: Kain erschlug Abel aus Neid. Aber spätestens mit dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters ist Neid der eigentliche Motor des Fortschritts und des wirtschaftlichen Wachstums. Das gilt erst recht heute, im beschleunigten Konsumkapitalismus, wo es um jeden Preis gelingen muss, den Wunsch „Das muss ich auch haben! Neid ist aber auch ein mächtiges Ordnungsprinzip in modernen Gesellschaften.

Hochmut hat seit biblischen Zeiten die Gesichter der Überheblichkeit, der Abgehobenheit, des Dünkels und der Eitelkeit: „Ich bin besser, schöner, klüger als andere! Selbstüberschätzung und intellektuelle Arroganz gehören heute ebenso zu seinen Erscheinungsweisen wie die ungehemmte Zurschaustellung schönheitsoperierter und gestylter Körper. Die Trägheit nistet heute vor allem dort, wo sich der Rückzug aus der Verantwortung für den Nächsten als vorgeblich rationale Haltung, als Nichteinmischung tarnt. Trägheit ist heute vor allem Gleichgültigkeit, sie zeigt sich im willentlichen Ignorieren fremder Schicksale, sie ist die bequeme Neutralität, die uns nahelegt, sich rauszuhalten. Sie erscheint aber auch als habituelle Denkfaulheit und als Selbstunterforderung, oft genug getarnt als Überlastung. Und wie zornig sind wir heute!

Rasch erbost sind wir vor allem über die anderen Sünder, die uns Zeit und Geld kosten, die unserer Gier oder unserer Lust in die Quere kommen oder uns in unserer Trägheit stören. Die Todsünden haben ihre spirituelle oder existenzielle Bedeutung in unserem Leben weitgehend verloren. Sie erscheinen uns heute eher als unangenehme, aber banale Verhaltensweisen, als Marotten und Neurosen, aber auch als zeitgemäße Strategien der Erfolgs- und Lustmaximierung oder der Selbstbehauptung. Sünder sind keine tragischen Gestalten mehr, die ihren Leidenschaften und Lastern verfallen sind und für die ein Dante seine infernalischen Strafen ersann. Sünden, zu denen wir aufgrund von Temperament oder familiärer Prägung eher bereit sind. Aber den großen Geizigen, der von Freud klassisch als der „anale Charakter“ beschrieben worden war, gibt es in reiner Form nur noch selten. Aus einigen Todsünden wurden nach und nach Tugenden, zumindest aber akzeptierte Verhaltensweisen oder gar Zivilisationsimpulse.

An dieser allmählichen Evolution lässt sich der gesellschaftliche Wandel von Werten und Moralvorstellungen nachvollziehen. So gesehen sind sie in der Tat „Erbsünden“. Eine Sünde besteht jedoch in der Verletzung von Grenzen in diesen Verhaltensspielräumen. Die Neubewertung der Laster zu nützlichen Eigenschaften oder gar Tugenden finden wir zuerst in der Renaissance, sie schritt in der Moderne weiter fort und ist bis heute nicht abgeschlossen. Wenn man alles genau betrachtet, wird man finden, dass manches, was als Laster gilt, Sicherheit und Wohlstand bringt.

Die Sünden sind nun keine persönlichen Akte der spirituellen Grenzverletzung mehr, keine verdammenswürdigen Laster, sondern wichtige psychosoziale Kräfte in einer neuen Kultur. Sie schufen Märkte, trieben die Dynamik des Fortschritts an, formten soziale oder wirtschaftlich erwünschte Eigenschaften. Die Transformation bestand also darin, gefährliche, antisoziale Leidenschaften für nützliche Zwecke einzuspannen, statt vergeblich zu versuchen, sie durch religiöse Gebote oder staatliche Sanktionen zu unterdrücken. Es kam darauf an, sie so in eine Ordnung zu überführen, dass sie Gutes bewirken. Seit Beginn der Neuzeit kommt es also in Staatsphilosophie und praktischer Politik darauf an, die „unvermeidlichen“ menschlichen Neigungen zu Gier, Neid, Zorn oder Hochmut so zu organisieren, dass sie nicht nur keinen Schaden anrichten, sondern den Wohlstand und das Glück in einem Gemeinwesen vergrößern. Der neue Zentralbegriff dieser Entwicklung aber ist das Interesse: Menschen sind nicht in erster Linie Sünder, sie haben nicht nur Laster und Leidenschaften, sondern vor allem Interessen. Sie suchen als vernunftbegabte Wesen vor allem ihren Vorteil und wollen ihren Nutzen mehren.