Das Jahrhundert der Parallelbiographien PDF

1607 entstandenen Theaterstückes von William Shakespeare. Shakespeares Hauptquelle sind Plutarchs Parallelbiographien in der englischen Übersetzung von Sir Thomas North das Jahrhundert der Parallelbiographien PDF dem Jahre 1579.


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Das vorliegende Heft der Helmstedter Colloquien dokumentiert in für den Druck überarbeiteter Form die einzelnen in der Aula der einstigen Universität gehaltenen Vorträge auf den 22. Helmstedter Universitätstagen. Sie nähern sich dem 20. Jahrhundert der extremen Brüche und Brechungen aus einer biographischen Vergleichsperspektive an, die die Inkonsistenz und die Kontingenz, auch die Gewalt des vergangenen Jahrhunderts zum Sprechen bringen soll. Sie greifen damit einen tradierten Topos der historischen Literatur auf. Doppelbiographien sind seit der Antike eine beliebte Form der Vergangenheitsbetrachtung. Nicht die glättende Arbeit am rückblickend geordneten Leben steht im Fokus dieses Bandes der Helmstedter Colloquien. Sie spüren im Gegenteil der gegensätzlichen Auslegung derselben Lebensaufgabe in unterschiedlichen Kontexten nach sowie dem Wechselspiel von Annäherung und Abwendung in parallelen Lebensgeschichten. Ziel dieser Suche nach parallelen Lebensläufen ist es, „im Gegenlicht“ unbekannte biographische Facetten sichtbar zu machen und gewohnte Zuordnungen in Frage zu stellen. Die gemeinsame Leitfrage der hier versammelten Beiträge lautet: Wie spiegeln sich die Umbrüche und die Frontstellungen, aber auch die systemübergreifenden Gemeinsamkeiten des 20. Jahrhunderts und seiner konkurrierenden Weltordnungen in lebensgeschichtlichen Verflechtungen und parallelen Biographien?

Das mit 3000 Zeilen und über 40 Szenen umfangreiche und komplexe Werk war dem Theaterpublikum lange Zeit nur in Form stark verkürzter Nachdichtungen bekannt. In der Zeit des zweiten Triumvirats verliebt sich der Triumvir Marcus Antonius in die ägyptische Königin Kleopatra. Kleopatra, die in Ägypten von Antonius’ Heirat erfährt, schlägt in einem Wutausbruch auf den Boten ein, trägt ihm aber dann auf, Oktavia aufzusuchen und ihr sodann über sie zu berichten. Oktavian und Lepidus haben Pompeius besiegt, anschließend hat Oktavian Lepidus festgenommen. Schwester legt Oktavian offen, dass Antonius sich wieder mit Kleopatra verbunden hat. Antonius hat sein verbliebenes Heer aufgestellt und siegt zu Lande, so dass Octavians Admiral Agrippa den Rückzug anordnet. Octavian sucht deshalb wieder die Entscheidung zur See.

Das genaue Entstehungsdatum des Werkes ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. 1607 unmittelbar nach Macbeth verfasst oder vollendet wurde. 1608 angekündigte Druckausgabe ist nicht erhalten und wahrscheinlich auch nie erschienen. Möglicherweise handelte es sich bei diesem Eintrag nur um einen sogenannten blocking entry, mit dem die Druckrechte gesichert und denkbare Raubkopien unterbunden werden sollten. Blunt im Stationers’ Register über A booke Called.

Cleopatra, der zeitgleich mit einem zweiten Eintrag von Edw. Eventuell wurde das Drama auch bereits Weihnachten 1606 oder Weihnachten 1607 bei Hofe aufgeführt. Obwohl er an einzelnen Stellen durchaus auch längere Passagen in wortgetreuer oder leicht abgewandelter Form übernimmt, dramatisiert Shakespeare Plutarchs narrative Ursprungsfassung, in der die Biografie des Antonius die längste der Parallelbiografien darstellt und äußert breit angelegt ist, durch eine strikte Konzentration auf die Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren und Auslassung oder Kürzung in dieser Hinsicht irrelevanter Aspekte. Auch die moralischen Akzentuierungen, die Plutarch in seiner zwischen Missbilligung und eher widerstrebender Bewunderung schwankenden Geschichte des Antonius vornimmt, werden von Shakespeare entfernt oder zumindest ihrer Eindeutigkeit enthoben.

Im Hinblick auf Cleopatra übernimmt Shakespeare im Gegensatz dazu die in der Plutarchschen Quelle angelegten Momente des ausfallend Weiblichen und überhöht die mysteriöse Faszination dieser Frauengestalt, beispielsweise in der übersteigerten Umformung der Todesszene aus der Vorlage in eine Apotheose der Liebenden bzw. Liebe mit einer Verklärung des Todes. Gleichermaßen werden die dramatische Szenenanlage mit einer raschen Folge von über vierzig Szenen, die genaue Ausprägung der zahlreichen individualisierten Charaktere des Stückes und das ägyptische und römische Kolorit ebenso wie die spezifisch sprachlich-imaginative Ausprägung des Werkes mit einer Vielzahl geflügelter Worte von Shakespeare eigenständig gestaltet. Während zuvor von der Antike bis zur Renaissance Cleopatra und Antonius als historische Gestalten überwiegend negativ als Verkörperung exzessiver Sinnesleidenschaft oder gar Wollust und Zerstörer des römischen Reiches betrachtet worden waren, zeichnete erstmals Geoffrey Chaucer in dem Anfangsabschnitt seines epischen Gedichts The Legend of Good Women ein positiveres Bild Cleopatras als einer Liebesmärtyrerin. Neben diesen literarischen oder dramatischen Vorlagen greift Shakespeare in seinem Drama teils implizit, teils explizit auf mythologische Archetypen in der Gestaltung der beiden Hauptcharaktere zurück. Während in der heutigen Shakespeare-Kritik Antonius und Cleopatra nahezu einhellig zu den größten Dramen Shakespeares gezählt wird, ist über die Rezeption beim zeitgenössischen Publikum im Anschluss an die Werkentstehung nur sehr wenig bekannt, so dass verschiedene Shakespeare-Forscher und Editoren auf diesem Hintergrund vermuten, dass das Werk anfänglich nicht zu den beliebtesten Werken Shakespeares gehörte.